Content Warning: Ängste, Essverhalten
Einleitung
Der Weg zu einer passenden Ernährung ist selten geradlinig – besonders dann, wenn der Magen-Darm-Trakt chronisch erkrankt ist. Was gestern noch gut verträglich war, kann heute Probleme bereiten. Eine Ernährungsumstellung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht immer Verzicht, sondern Achtsamkeit: Gegenüber dem eigenen Körper, seinen Signalen und den kleinen Veränderungen, die langfristig einen großen Unterschied machen können.
Welche Bedeutung Essen für mich hat
Welche Erinnerungen verbindest du mit dem Thema Ernährung? Kochen, Genuss, gemeinsame Zeit mit Freunden und Familie? Oder hast du gerade vielleicht ein inneres Bild deines Lieblingsgerichts vor Augen?
Für mich stellt Ernährung zeit meines Lebens ein sehr bedeutsames Thema dar. Aufgrund meiner chronischen Magen-Darm-Erkrankung hatte ich zeitweise nicht immer die Wahl, welche Lebensmittel ich gerne essen würde. Es gab Abschnitte in meinem Leben, wo ich viele unterschiedliche Lebensmittel essen konnte und andere, in denen nur eine sehr begrenzte Auswahl möglich war. Und dann gibt es noch die Episoden und Tage, in denen mir meine Erkrankung einen Strich durch die Rechnung macht und ich kaum essen kann bzw. essen mag. Ich vermute, dass viele von euch das auch kennen – in Form von Unverträglichkeiten, Allergien, allgemeinem Unwohlsein oder Ähnlichem.
In meinem letzten Beitrag habe ich euch erzählt, dass ich im Alter von sechs Jahren einen mehrmonatigen Krankenhausaufenthalt aufgrund meiner Pfortader-Erkrankung und meines Darmbereichs hatte. Damals wurde ich über mehrere Wochen künstlich ernährt, hatte einen künstlichen Darmausgang und war stark untergewichtig. Auch wenn die negativen Erfahrungen aus dieser Zeit stark überwiegen, erinnere ich mich gerne an die Lichtblicke und die subjektiv schön wahrgenommenen Momente. Einer der bedeutsamsten Lichtblicke war damals für mich, als ich nach Wochen der künstlichen Ernährung wieder etwas essen durfte. Ich bekam ein einfaches Stück Toast mit Marmelade. Ich erinnere mich, was für einen unglaublichen Genuss ich in diesem Moment empfunden habe. Gelegentlich erzählen mir Familienmitglieder aus dieser Zeit und erinnern sich gerne gemeinsam mit mir an diesen Moment. Was ich damals noch nicht in Worte fassen konnte, aber heute weiß: Es war pure Lebensqualität – reiner Genuss. Dieses Genusserleben gehört zu den Kernerinnerungen, wenn ich an meine Kindheit zurückdenke.
Insbesondere dadurch haben Lebensmittel und Essen für mich einen sehr großen Stellenwert bekommen. Zudem wurde der Umgang mit Lebensmitteln und der Genuss beim Essen in meiner Familie immer wieder kultiviert. Sei es das Kochen mit meinem Papa, das Grillen mit meiner Mama, das Bekocht-Werden von den Omas oder das Herumprobieren, Philosophieren und Experimentieren mit verschiedenen Komponenten bei unterschiedlichsten Gerichten. Ernährung ist zeit meines Lebens ein Thema, mit dem ich mich gerne beschäftige – ganz besonders die Zubereitung von Lebensmitteln.
Vier Jahre habe ich in der Gastronomie, als Nebenverdienst während meines Studiums, als Küchenhilfe mit angepackt und konnte meine Liebe zu Lebensmitteln ausleben. Ich habe meinem damaligen Chef viel zu verdanken. Die Art zu kochen, Tipps und Tricks beim Schneiden, beim Zubereiten sowie beim Abschmecken und Verfeinern. Es hat Spaß gemacht den Entstehungsprozess der Gerichte zu sehen und den leidenschaftlichen Einsatz aller zu spüren. Eine war eine sehr schöne Zeit mit vielen tollen Erfahrungen, die ich machen durfte.
Kurzum: Das Thema Ernährung, Kochen und Umgang mit Lebensmitteln bedeutet mir schon seit gefühlt immer, sehr viel und ist für mich ein zentraler Aspekt von Lebensqualität – einer Lebensqualität, auf die ich bis vor ein paar Wochen vorerst wieder verzichten musste.
Verzicht und Genuss
Bei meinem letzten Krankenhausaufenthalt vom 24. September 2025 bis zum 30. Oktober 2025 war der Verzicht zentral. An einigen Tagen durfte ich aufgrund der vielen gastroenterologischen Untersuchungen gar nichts essen. Tage, an denen ich essen konnte, waren meist auf Milchreis, Pudding oder Suppe beschränkt, da die feste Nahrung zu diesem Zeitpunkt in Verbindung mit inneren Blutungen einherging. An keinem der Tage deckte ich meinen täglichen Kalorienbedarf. Hier wurde mir erneut unmittelbar deutlich, wie bedeutsam eigentlich Essen ist. Wie selbstverständlich es im Alltag ist und wie sehr es fehlt, wenn es nicht da ist. Wie schnell der Körper abbaut und wie man zunehmend bemerkt, dass die Energiereserven anfangen zu schwinden. Es war interessant, achtsam zu beobachten, welche Prioritäten der Körper setzt. Es mag trivial klingen, aber nie zuvor ist mir so prägnant aufgefallen, wie die Energie aus der Nahrung in Energie für den Körper umgewandelt und eingesetzt wird. Wie sie kommt und wieder geht.
In meinem letzten Beitrag habe ich geschrieben, dass die Umstellung auf hochkalorische Trinknahrung in diesem Zeitraum ein echter Gamechanger war. Im Krankenhaus bekam ich die hochkalorischen Shakes von Fortimel und Fresubin.
Diese 200 ml hochkalorische Trinknahrung (ca. 400 kcal, 20 g Proteine) halfen mir enorm weiter. Sie waren schonend für meinen Magen- und Darmbereich, da sie als Flüssigkeit meine Darmvarizen nicht schädigen konnten und den zuvor verschlossenen Stellen im Darmbereich Zeit zur Regeneration und Schonung gaben. Ich bekam drei Shakes am Tag verschrieben, was in Kombination mit dem Milchreis und Puddings ziemlich nahe an der täglichen Referenzmenge eines durchschnittlichen Erwachsenen entsprach (ca. 2.000 kcal). Zudem entdeckte ich die Trinknahrung von Y-Food (500 ml: 500 kcal, 30 g Proteine), welche mir dabei half zusätzliche Kalorien und Proteine sowie Mikronährstoffe zu mir zu nehmen.
Ich war unglaublich froh, dass ich durch die Trinknahrung und Milchspeisen auch ohne künstliche Ernährung auskam und konnte viele Wochen so überbrücken, ohne ins Kaloriendefizit zu fallen. Das war wichtig, da meine Fett- und Energiereserven aufgebraucht waren. Um einer weiteren venösen Stauung im Bauchraum vorzubeugen (Nussknacker-Syndrom[1]), musste ich schnell wieder ein paar Kilo zunehmen. Dies war entscheidend für meine Genesung und Prognose. Auch wenn die Trinknahrung nach einigen Wochen zwar so gut wie keinen Genuss mehr darstellte, bekam ich durch sie viel Energie wieder und mein Darm konnte sich in dieser Zeit gut erholen, sodass er weitestgehend abheilen konnte. Als ich merkte, dass die inneren Blutungen aufhörten, wollte ich diesen Zustand solange wie möglich halten. „So muss es weitergehen“, dachte ich.
Doch mit der Zeit schlug die Freude über die Trinknahrung und das Schwinden der Blutungen um in Angst vor fester Nahrung und möglichen erneuten Blutungen. Deshalb blieb ich auch nach meinem Entlassungstermin am 30. Oktober noch über vier Wochen bei Trinknahrung, Pudding und feinpürierter, dünner Suppe. Dies ging bis zum 1. Dezember so. Der 1. Dezember war meine erste Wiedervorstellung nach der Entlassung im UKSH. Wie du im letzten Beitrag lesen konntest, wurde mir gesagt, dass ich mich wieder an etwas festeres Essen heranwagen soll. Die Trinknahrung konnte keine Dauerlösung sein.
Ich spürte eine tiefe Ambivalenz in mir. Ich freute mich riesig über die Perspektive und die Vorstellung darüber, wieder etwas normaler Essen zu können. Zugleich war ich entlassen und schätzte meine wiedergewonnene Freiheit und Privatsphäre in meinem eigenen Wohnumfeld sehr. Das letzte was ich wollte war ein weiterer Tag oder eine weitere Woche im Krankenhaus. „Das festere Essen könnte dazu beitragen, dass wieder innere Blutungen auftreten. Blutungen, die im schlimmsten Falle nicht aufgefangen werden können“, war ein Gedanke, der mich oft überkam und von dem ich mich nur schwer lösen konnte bzw. kann. Es fühlte sich so an als würden Freude und Angst, Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern spielen.
Altes blüht Neu
Ich tat mich sehr schwer mit einer Entscheidung. Erst zwei Tage nach dem „Go“ vom Arzt überlegte ich mir, womit ich anfangen könnte und was meinem Bauch wohl am besten tun würde. Ich entschied mich für einen Kartoffelmus aus Kartoffeln und Süßkartoffeln. Zudem machte ich mir zwei Bananen mit Milch und Proteinpulver als Bananenshake. Das Kartoffelmus aß ich zu Beginn nur einmal am Tag und mit viel Genuss. „Langsam anfangen, stetig steigern“, war mein Motto. So verging die erste Woche. Zeitgleich aß ich dickere Suppen, festeren Milchreis und Grießbrei. Parallel dazu wagte ich mich an Hipp-Babynahrung, in der Hoffnung, sie würde mir den Übergang von flüssiger zu fester Kost sanft erleichtern. Diese Hoffnung verabschiedete sich jedoch recht schnell, denn die Konsistenz erinnerte eher an Schleim und auch geschmacklich bestätigte sich, dass ich mich nicht mehr zur Zielgruppe dieses Essens dazuzählen konnte bzw. wollte. Nachdem ich mich von dem Experiment der Baby-Nahrung wieder abwand, kamen parallel mehr Banane, ein paar wenige Beeren sowie Haferflocken und etwas weniger Milch als zuvor in meine Shakes hinein. Alles dem Ziel dienend, die Konsistenz zu verdicken und sich Schritt für Schritt zu steigern. Es ging überraschend gut voran.
Wenige Wochen später kam der Moment, in dem meine Frau und ich uns entschieden, wieder in unsere Wohnung zurückzukehren. Meine Frau unterstützte mich sehr und sprach mir gut zu. Mit dem Ortswechsel kam auch eine Veränderung meiner Gedanken zu diesem Thema. Die Angst verlor mehr an Strahlkraft. Das erste Essen, das ich in unserer Wohnung aß, waren durchgekochte Kartoffeln mit Möhren und Soße. Ich verspürte große Vorfreude auf das Essen. Ich kaute sehr achtsam und sorgfältig. Mein Genussempfinden war enorm. Freude, Erleichterung und Glücksgefühle kamen in mir auf, als ich merkte, dass ich das Essen gut vertrug. Die nächsten Tage aß ich ähnlich und ersetzte zunehmend einen hochkalorischen Shake bzw. ein Y-Food durch ein gesundes, bekömmliches und festeres Essen.
Allmählich entwickelte sich aus der stetig präsenten Angst eine in den Hintergrund rückende Sorge. In meine Rezepte nahm ich wieder Lebensmittel wie z. B. Hirtenkäse, Avocados, Kürbis und Brokkoli auf. Ich verfeinerte und experimentierte wieder achtsam mit verschiedenen Gewürzen (Ausnahme: Schärfe, wegen der Reizbarkeit). Ich freute mich wie ein Kind. Endlich konnte ich wieder mit gesunden, herzhaften Lebensmitteln kochen. Die Süße der Trinknahrung, sowie der süßen kalten und warmen Milchspeisen hatte ich nach über zwei Monaten satt. Die Vielfalt des Geschmacks gab mir viel Lebensqualität zurück.
Kurz vor Weihnachten habe ich mich dann an die nächsten Schritte getraut. In meine Lebensmittelliste kamen wieder neu hinzu: Weiches Brot, Magerquark mit Haferflocken, Nudeln (mit unterschiedlichsten Soßen), gebratene Zucchini und Champignons sowie kleine Probierstücke von Essen, das ich mir in Gänze noch nicht zutraute. Bei jedem Lebensmittel wich die Angst bzw. die Sorge weiter in den Hintergrund.
Seit Silvester habe ich zudem weitere Gerichte ausprobiert wie z.B., Wrap-Röllchen, Nudelsalat, Blätterteig mit Spinat und Feta, verschiedene Gebäcke und sogar ein Fischbrötchen mit Backfisch und Remoulade (was mich besonders fröhlich macht). Vor wenigen Tagen kamen dann noch pflanzliche Fleischersatzprodukte sowie schonend gegartes Gemüse mit etwas mehr Biss hinzu.
Ausblick, Tipps und Empfehlungen
Mittlerweile habe ich nur noch wenig Sorge beim Essen, da ich seit dem Aufenthalt im Krankenhaus einen sehr konsequenten und strengen Fokus auf das Kauen gelegt habe. Ich kaue mittlerweile fast alles bevor ich es runterschlucke mindestens 25-mal (je nach Art und Konsistenz mehr). So weiß ich, dass das Essen gut im Magen ankommt, ich es besser verdauen kann und ich ein natürlicheres Sättigungsgefühl bekomme. Ich vertraue darauf, dass mein Körper mir sagt, wann er bereit für die nächsten Schritte ist.
Die nächsten Schritte werden für mich festeres Brot, fettigeres Essen (z. B. Pizza, Pommes) und knackiges Gemüse (z. B. Gurke, Salat) sein. Doch das darf noch ein wenig Zeit haben. Außerdem fühle ich mich aktuell gerade wieder ziemlich wohl in meinem Körper. Vor zwei Monaten hätte ich niemals gedacht, dass ich überhaupt nochmal in den Genuss komme so etwas wie Wraps, Gebäck oder ein Fischbrötchen essen zu können. Ich bin glücklich, stolz und dankbar dafür, dass ich von einem niedrigen Niveau an Lebensqualität, viel Genuss, Freude und mehr soziale Teilhabe, durch gemeinsames Essen, wiedererfahren konnte. Diese Lebensqualität, die ich mit der achtsamen Ernährungsumstellung sowie einer an mir ausgerichteten Neuorientierung an bekömmlichen Lebensmitteln wiedererlangt habe, möchte ich nicht mehr missen und wünsche mir von ganzem Herzen, dass es weiter so gut vorangeht.
Auch wenn es eine Auswahl von Lebensmitteln gibt, die ich nicht gut vertrage und auch nicht nochmal ausprobieren werde, weil ich weiß, dass mir diese nicht gut bekommen (z. B. Hülsenfrüchte, Kohl, Getränke mit Kohlensäure), gibt es heutzutage vielfältige und kreative Wege, diese umgehen zu können und trotzdem auf alle wichtigen Nährstoffe zu kommen. Hier eine kurze Liste mit Lebensmitteln, die meiner Darmgesundheit und meinem Körper guttun:
- Energie: Kartoffel, Haferflocken, Dinkelnudeln, Datteln
- Fett: Hirtenkäse, Avocado, Olivenöl, Mandelmus
- Kohlenhydrate: Süßkartoffel, Reis, Hummus, Hirse oder Grieß, Banane
- Ballaststoffe: Flohsamenschalen, Chia- und Leinsamen, Beeren
- Proteine: Kefir, Skyr, Proteinshakes, vegane Ersatzprodukte, Lachs
- Vitamine: Ingwer (z. B. In Suppe), Beeren, Brokkoli, Karotten, Baby-Spinat
- Getränke: Tee, stilles Wasser (z. B. mit Spritzer Zitrone), milde Säfte
Aktuell versuche ich, 90% der Lebensmittel mind. einmal pro Woche (einiges häufiger) zu mir zu nehmen. Diese Lebensmittel haben sich für mich als besonders bekömmlich, lecker und darmfreundlich herausgestellt. Viele dieser Lebensmittel stärken das Mikrobiom im Darm und unterstützen die Magenschleimhaut, was dabei helfen kann, Darmbeschwerden und Entzündungen entgegenzuwirken. Besonders darmfreundlich sind Omega-3-Fettsäuren (Fisch, Nüsse), ballaststoffreiche pflanzliche Lebensmittel (Samen, Beeren, Haferflocken) und fermentierte Lebensmittel (z. B. Joghurt, Kefir).
Die allermeisten Mikronährstoffe (wie z. B. Eisen, Calcium, Zink und Magnesium) decke ich mit einer vielfältigen Ernährung automatisch ab und ergänze diese nur bei Bedarf.
Ich werde mich in Zukunft an weiteren herzhaften und darmfreundlichen Gerichten versuchen und falls ihr mögt, diese mit euch teilen. Hast Du noch Gerichte oder Lebensmittel, die ich vielleicht mal ausprobieren kann? Fehlen deiner Meinung nach irgendwelche „Superfoods“?
Lass es mich gerne über einen Kommentar unter diesem Beitrag oder auf dem dazugehörigen Beitragspost auf Instagram wissen. Ich würde mich riesig über Tipps, Tricks und Austausch zu dem Thema freuen.
Bleib gesund und bis bald!
[1] Infos zum Nussknacker-Syndrom: https://www.gefaesschirurgieberlin.de/gefaesserkrankungen/nussknacker-syndrom/ (Abgerufen am 14. Januar 2026).

