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Meine (Erkrankungs-)Geschichte


Content Warning: Medizinische Eingriffe, belastende Lebenssituation, Essverhalten, Sterben und Tod.

Manchmal gibt es Themen, über die wir nur zögerlich sprechen. Nicht, weil sie uns egal wären, sondern weil sie schwer sind, weil sie berühren und weil sie uns mit Fragen konfrontieren, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Eine schwere chronische Erkrankung gehört dazu. Sie stellt vieles infrage und verändert oft mehr als das, was äußerlich sichtbar ist. In diesem Beitrag möchte ich meine Erkrankungsgeschichte erzählen – nicht, um zu belasten, sondern um Verständnis zu schaffen und Raum für Austausch zu öffnen.

 

Wie alles begann

Meine Narbe und meine chronische Darmerkrankung gehören seitdem ich denken kann zu mir. Es fing damit an, dass ich im Alter von ein bis zwei Jahren innere Blutungen auftraten und ich größere Mengen Blut abführte. Nach einigen Untersuchungen stellte man mir die Diagnose Pfortaderthrombose – eine seltene Thromboseform, bei der der Blutfluss durch die Pfortader nicht mehr funktioniert. Normalerweise sorgt die Pfortader dafür, dass das Blut in die Leber gelangt. Das nährstoffreiche Blut, das durch die Pfortader transportiert wird, wird stoffwechselphysiologisch „vorbehandelt“, d. h. es werden Nährstoffe verarbeitet, Speicherstoffe gebildet, Giftstoffe abgebaut und Stoffwechselprodukte umgewandelt, bevor das Blut in den großen Kreislauf gelangt. Durch die Thrombose der Pfortader war meine Nährstoffzufuhr kaum noch möglich. Die Ärzt:innen mussten in Form einer Operation intervenieren. Hierbei wurde mir ein Meso-Rex-Shunt gelegt, der als eine Art Überbrückung bzw. Umgehung fungiert, sodass der Blutdurchfluss durch die Pfortader gewährleistet wird. Der Eingriff glückte. Mein Zustand stabilisierte sich wieder. Damals (2002) gehörte ich zu einer Gruppe weniger Kinder, bei denen ein solcher Eingriff durchgeführt wurde. Ich selbst erinnere mich an diese Zeit nicht.

 

Eine prägende Zeit

An die folgende Zeit hingegen erinnere ich mich leider noch recht gut. Wenige Jahre später, im Alter von circa sechs Jahren, traten erneut lebensbedrohliche Komplikationen in Bezug auf meine Pfortader auf. Durch eine erneute Thrombose der Pfortader staute sich das Blut in meinem Körper auf, wodurch wieder innere Blutungen auftraten. Innerhalb eines dreimonatigen stationären Aufenthalts im Krankenhaus wurde ich insgesamt dreimal an meinem Bauch operiert. In den Operationen wurde mir ein neuer Meso-Rex-Shunt gelegt, da sich der alte (ohne nachweisbare Ursache) verschlossen hatte. Zudem wurden mir größere Teile meines Dünndarms entnommen, da einige Abschnitte längere Zeit nicht mit ausreichend Blut versorgt worden waren und abgestorben waren. Seitdem ist mein Dünndarm mit einer Länge von 1,5 m deutlich verkürzt[1] (üblicherweise 4-6m lang). Besonders hart war in dieser Zeit für mich der künstliche Darmausgang (Stoma), der mir zu dieser Zeit am rechten Unterbauch gelegt wurde. Neben dem Gefühl einer unglaublichen Scham, die ich wegen des Stomas erlebt habe, kamen immense Schmerzen hinzu. Die Schmerzen waren in dieser Zeit ein ständiger Begleiter und schwer erträglich. Ich erinnere mich an Tage, an denen mich die Lebenslust verließ. Mein einziger Wunsch zu dieser Zeit war einfach, dass die Schmerzen aufhörten und ich wieder normal mit meinen Freunden und bei meiner Familie sein konnte. Es war für mich eine der unmittelbarsten und einprägsamsten Erfahrungen, die ich im Krankenhaus erlebt habe.


Nachdem alle drei Operationen durchgeführt worden waren, ging es wieder bergauf. Ich war überglücklich, dass ich die Operationen überstanden habe und sah, dass es Tag für Tag voran ging. Zu Beginn war ich einfach nur froh, dass es mir Stück für Stück körperlich besser ging. Bald konnte ich dank der Physiotherapie wieder aus dem Bett aufstehen. Dann schaffte ich es bis zur Zimmertür. Anschließend wieder über den Flur der Station. Nach Wochen im Bett waren das große Erfolge für mich, die mir immer bis heute in Gedanken geblieben sind. Auch mein Stoma wurde in dieser Zeit rückverlegt, sodass ich wieder „normal“ zur Toilette gehen konnte. Das gab mir enorm viel Lebensqualität zurück. Trotz der freudigen Genesung spürte ich zeitgleich ein Unbehagen in mir. Einerseits war ich unbeschreiblich glücklich, andererseits waren da auch die Ängste, der teils schmerzhafte und häufige Stuhlgang, der infolge meines verkürzten Dünndarms auftrat sowie die belastenden, psychischen Erfahrungen, die ich erlebt habe.


Schon früh habe ich erfahren, dass mein Leben endlich ist und Gesundheit nichts Selbstverständliches darstellt. Natürlich ist die Perspektive und das Wissen eines Sechsjährigen begrenzt, aber die Gefühle und Erinnerungen aus der Zeit habe ich bis heute nicht vergessen. Rückblickend betrachtet, empfinde ich viel Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die dafür sorgten, dass es mir besser ging. Das Engagement der Ärzt:innen und Krankenpfleger:innen war enorm. Darüber hinaus habe ich die denkbar beste Unterstützung von meiner Familie, meinen Freund:innen und Bekannten sowie vielen weiteren wunderbaren Menschen erhalten. Viele Menschen in meinem unmittelbaren Umfeld haben in dieser Zeit zurückgesteckt, sich gesorgt und unglaubliche Ängste empfunden. Umso mehr Dankbarkeit verspüre ich ihnen heute gegenüber, dass sie in dieser schweren Zeit zu mir gehalten, mich unterstützt und mir Hoffnung und Liebe geschenkt haben. Einen ganz großen Dank und viel Liebe an euch alle – ganz besonders an meine Familie!

 

Die sorglose Zeit

Von da an traten vorerst so gut wie keine ernsthaften Komplikationen auf. Ich konnte wenige Monate nach der OP eingeschult werden und habe eine tolle Grundschulzeit gehabt. Ich fand sehr viele Freunde und habe mich in meiner Klasse stets wohl gefühlt. Meine Lehrer:innen und Mitschüler:innen wussten um meine Erkrankung. Stets hatte ich Freunde, die zu mir standen und mit aufpassten. Einerseits war es schön, so viel Unterstützung von Menschen zu erhalten, die sich um einen sorgen. Andererseits hatte es auch immer den Beigeschmack, anders zu sein und behandelt zu werden als die Anderen. Ich wollte schließlich genauso wild toben, rangeln und unvorsichtig sein, wie alle anderen in meinem Alter auch. Bis auf die gelegentlichen Bauchschmerzen und das häufige Auf-die-Toilette-Gehen-Müssen aufgrund meines verkürzten Dünndarms, habe ich wenig Symptome meiner Erkrankung gespürt. Insgesamt war die Grundschulzeit aber eine schöne Zeit für mich. Trotz meiner deutlich sichtbaren Narben, habe ich nie Ausgrenzung oder Ähnliches erlebt. Eher habe ich Zuspruch und Unterstützung erfahren. Ich habe dort viele tolle Freunde gefunden. Wichtige Menschen, die mich z. T. noch bis heute begleiten und denen ich viel verdanke. Ich hatte ein Gefühl des Angekommen-Seins und hoffte von nun an ein unbeschwertes Leben führen zu können.

 

Anschließend begann die Zeit auf dem Gymnasium für mich. Ein paar von meinen Freunden kamen mit mir in die gleiche Klasse und ich lernte viele neue Leute kennen. Es war für mich eine Art Neuanfang, da nur wenige über meine Erkrankung wussten. Ich machte kein Geheimnis daraus, erzählte aber häufig nur Bruchstücke davon. Schließlich wollte ich von meinen neuen Mitschülern keine Sonderrolle zugeschrieben bekommen. Heute weiß ich, dass es dabei auch viel um das Thema Verdrängung ging. Die Zeit auf dem Gymnasium habe ich ebenfalls als unfassbar angenehm erlebt. Meine Noten waren meistens gut, ich hatte einen tollen Freundeskreis und hatte deutlich weniger das Gefühl, dass meine Erkrankung überhaupt ein Thema war. Erstmals habe ich mich „normal“ wahrgenommen gefühlt. Erst als die ersten Partys anfingen und die meisten mit dem Alkoholtrinken anfingen, änderte sich meine Gefühlslage wieder etwas. Alkohol war mir aufgrund meiner Vorgeschichte insbesondere im Jugendalter untersagt und daran hielt ich mich in der Schulzeit auch. Es störte mich eigentlich auch nicht, dass alle anderen um mich herum auf Feiern tranken. Nach den Partys war ich am nächsten Morgen fit, wusste was am Vorabend passiert war, habe viele lustige Gespräche geführt und konnte in den richtigen Momenten genauso mitfeiern. Dennoch blieben natürlich die ersten Erfahrungen zum Thema Rausch aus und es schlich sich rückblickend betrachtet unterbewusst doch wieder ein kleines Gefühl ein, anders zu sein. Die meiste Zeit aber hatte ich solche Gedanken nicht und war froh, dass es mir gesundheitlich gut ging. Ich dachte, dank der meist unbeschwerten Zeit auf dem Gymnasium, immer weniger über meine Erkrankung nach und habe meine Jugendzeit sehr genossen. Ich habe an einem Austausch nach Estland, an einem nach England sowie an einer Skifahrt teilgenommen, was allesamt wundervolle Erfahrungen für mich waren. Zudem habe ich den Großteil meines aktuellen Freundeskreises in der Schulzeit kennengelernt und freue mich, zu vielen noch eine gute Bindung zu haben und die gemeinsamen und schönen Erfahrungen aus der Zeit, auch noch heute teilen zu können.

 

Nach dem Gymnasium habe ich ein FSJ in einer Krippe gemacht, bei dem ich auch viel Freude hatte und auf die Idee kam zu studieren. Anschließend habe ich mich für das Studium der Sozialen Arbeit eingeschrieben und den Bachelor dort studiert. Das Bachelorstudium hat mir so viel Freude bereitet, dass ich den Master „Klinische Sozialarbeit“ weiterstudieren wollte, wovon ich zwei Semester abgeschlossen habe.

 

Während meines Studiums lernte ich meine Frau kennen, die ich über alles liebe. Sie gibt mir unfassbar viel Kraft, Unterstützung und Liebe. Zu der Zeit ist meine Erkrankung schon sehr weit in den Hinterkopf bzw. ins Unterbewusstsein gerückt und das Thema in meinem Alltag auch immer weniger präsent gewesen. Dies änderte sich am 23. September 2025.

 

Die Hiobsbotschaft

Am 23. September 2025 kam ich gegen Mittag von der Arbeit nach Hause zurück. Ich war ungewohnt fertig von der Arbeit und legte mich direkt für einen Mittagsschlaf hin, da ich mich unwohl fühlte. Ich schlief volle vier Stunden, was mich selbst etwas erschreckte. Kurz danach bekam ich Durchfall und bemerkte, dass ich dabei Blut verlor. Ich war verwundert und etwas erschrocken. Direkt dachte ich an Magen-Darm und vermutete, dass ich wohl schlecht gegessen hätte. Allerdings fühlte ich mich zunehmend unwohler und bekam weitere Durchfälle. Kurz danach sackte ich zusammen. Nach ein paar Minuten der Verwirrung war ich wieder bei mir. Es war gegen 22.30 Uhr. Meine Frau brachte mich zu Bett und kümmerte sich liebevoll um mich. Danach ging es mir etwas besser, ich fühlte mich jedoch weiterhin schlapp. Ich beschloss, gleich direkt am nächsten Morgen zu meinem Hausarzt gehen zu wollen, da er meine Erkrankungsgeschichte gut kennt. Die Option des Krankenhauses war für mich zu diesem Zeitpunkt nicht gegenwärtig. Schließlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt über 18 Jahre lang keine ernsthaften Komplikationen gehabt. Ich war müde und schlief ein.


Am Morgen des 24. Septembers weckte mich meine Frau gegen 8:00 Uhr. Ihr Gesicht sagte mir, dass sie in Sorge war. Ich war kreidebleich und konnte kaum aus dem Bett aufstehen. Als ich es versuchte, kippte ich zurück ins Bett. Daraufhin rief meine Frau den Krankenwagen an, der mich ins Krankenhaus fuhr. Zuerst ohne Blaulicht. Als mein Blutdruck weiter rapide absank, mit Blaulicht. Wenige Minuten später kamen wir in der Notaufnahme an. Nach einer kurz gehaltenen Anamnese erhielt ich einige Blutkonserven, da ich einen Blutschock erlitten hatte. Als mein Akutzustand aufgefangen wurde, erfuhr ich von den Ärzt:innen wie knapp die ganze Geschichte war. Eine Stunde später hätten sie die Blutungen wahrscheinlich nicht mehr auffangen können. Ich wäre innerlich verblutet.

Schlagartig kam viel Verdrängtes von früher wieder hoch. Mein Körper zitterte und ich fing an zu weinen. Das Gedankenkarussell ging los. Sie nahmen mich auf Station auf und ich wurde infolgedessen akut versorgt. Die ersten Tage vergingen und ich verbrachte meinen 25. Geburtstag im Krankenhaus und fühlte mich schlecht. Die inneren Blutungen hielten an, weshalb ich viele weitere Blutkonserven bekam, um meinen Zustand stabil zu halten. Ich wurde mehrmals endoskopisch versorgt, d. h. offene Stellen in meinem Darmbereich wurden unter Sedierung ausfindig gemacht und verschlossen, sodass ich kein Blut mehr über offene Stellen im Darmbereich verlieren konnte. Dennoch hielten die Blutungen weiter an. Ich hatte das Gefühl, dass die Ärzt:innen zeitweise genauso ratlos waren wie ich selbst. Jeden Tag wartete ich auf die Visite, in der Hoffnung, dass jemand mit einer Lösung hereinkäme. So zogen sich die Tage hin und ich durchlief weitere Stationen im Krankenhaus. Es wurde viel Diagnostik betrieben, um herauszufinden, woher die Blutungen kamen. Mit jedem weiteren Tag schlich sich mehr und mehr das Gefühl ein, dass der Krankenhausaufenthalt länger werden würde als zunächst befürchtet. So vergingen zwei Wochen.

Nach insgesamt drei Wochen Aufenthalt kam dann die Schockdiagnose: Die Pfortader hat sich irreversibel verschlossen und es haben sich eine Vielzahl von Darmvarizen (Krampfadern) in meinem gesamten Bauchbereich gebildet. Durch die verschlossene Pfortader hatte sich der Druck im Pfortadersystem stark erhöht (portale Hypertension). Die Varizen haben sich gebildet, um dem Druck im Pfortadersystem standhalten zu können. Sie sind viele Millimeter bis Zentimeter dick sind. Darmvarizen sind erweiterte Venen im Darm und können sehr gefährlich werden, da sie aufgrund ihrer dünnen Wände schnell anfangen können zu bluten, wobei die Blutungen dann lebensbedrohlich sein können.


Bei mir seien sie wohl dadurch entstanden, dass ein paar der Darmvarizen dem Überdruck nicht haben standhalten können und aufgrund der verschlossenen Pfortader geplatzt seien. Die Ärzt:innen teilten mir mit, dass mein jetziges Stadium chronisch sei und kein sicherer Eingriff bzw. keine sichere Intervention mehr gewährleistet werden könne, um meinen Zustand zu verbessern, da mein gesamter Bauchbereich von diesen Varizen durchzogen sei. Sie erklärten mir, dass dadurch ein möglicher Eingriff immer mit enorm hohen Risiken verbunden wäre, ohne dabei zu wissen, ob der Eingriff dann die gewünschten Erfolge brächte. Es wurde mir immer klarer in welche Richtung sich das alles entwickelte. Die Ärzt:innen wurden immer stummer. Sie mussten nicht aussprechen, was ich bereits ahnte. Dennoch fragte ich nach und bekam die unausweichliche Antwort: Ohne eine Art der Intervention würde ich mit der Diagnose mit Sicherheit sterben – die Frage sei nur, wann. „Das war’s“, dachte ich, „ich werde sterben…“. Der Moment begann einzufrieren. Ich konnte niemandem mehr folgen. Ich fühlte Schock, Angst und Überforderung und spürte, wie dissoziativ ich wurde. Es fühlte sich an, als hätte sich mein Kopf ausgeschaltet und mein „Autopilot“ übernommen. Jedes Wort der Ärzt:innen, das ich wahrnahm, schmerzte. Ich habe geweint wie in meinem Leben zuvor noch nicht. So viele Worte und Gefühle, die gleichzeitig in mir brodelten und gleichzeitig dieses Gefühl der Leere. Ich fühlte mich meines Lebens beraubt. Alle genannten Interventionen wirkten wie Scheinoptionen. Die Prognose belief sich im Worst-Case auf wenige Monate, im Best-Case vielleicht ein, zwei Jahre. Der Schock saß tief.


Meine Familie kam zu mir und spendete mir wieder einmal Trost. Ich war froh, an diesem Tag nicht alleine gewesen zu sein. In den Tagen danach wurde viel über Palliativmedizin gesprochen, da sich mein Zustand nach wie vor verschlechterte. Ich aß kaum etwas und spürte nur noch wenig Lebensenergie in mir.  Ich stellte mich auf das Schlimmste ein und fühlte mich dem Tod so nah wie noch nie zuvor. Es wirkte alles so unwirklich. Ich begann, die Diagnose in ihrer Gänze, erst Tage danach wirklich zu verarbeiten.


In diesem Zeitraum verlor ich etwas mehr als 11 kg an Gewicht. Ich stellte das Essen ein, da ich das Gefühl hatte, dass die Blutungen im Zusammenhang mit der festen Nahrung standen. Ich hatte ein großes Kaloriendefizit, wodurch kurze Zeit später das Thema einer künstlichen Ernährung über die Vene aufkam. Ich verweigerte dies, da mir zunächst die negativen Aspekte (z. B. deutlich eingeschränktere Mobilität) gegenüber den Vorteilen überwiegten. Als ich merkte, dass meine Kräfte noch weiter nachließen, akzeptierte ich meine Situation und stimmte der künstlichen Ernährung zu. Wenige Minuten bevor ich diese abends angeschlossen werden sollte, fragte mich ein Arzt, ob ich die künstliche Ernährung wirklich haben wolle. Er wirkte skeptisch. Ich verneinte, äußerte aber, dass diese notwendig sei und mir keine Wahl bliebe. Dank ihm erfuhr ich, dass ich anstatt einer künstlichen Ernährung auch meinen Mangel an Energie mit hochkalorischer Trinknahrung auffangen könnte. Freudig stimmte ich zu und probierte die hochkalorische Trinknahrung aus. Sie war für mich ein echter Gamechanger. Ich trank und kam wieder mehr zu Kräften. Mein Magen wurde in dieser Zeit geschont, und es traten erstmalig über längere Zeit keine Blutungen mehr bei mir auf. In den kommenden Tagen und Wochen arbeitete ich gemeinsam mit meiner Familie und meinen Freund:innen daran den Schock zu verarbeiten, was mir dank der Unterstützung besser gelang. Ich spürte, dass alle bei mir waren und jede und jeder alles dafür gegeben hat, für mich da zu sein.


Nach der Diagnose blieb ich noch zwei Wochen im Krankenhaus. Ich brauchte Ablenkung und bekam fast den ganzen Tag über Besuch. Der Besuch half mir sehr bei der Verarbeitung der ganzen Ereignisse. Der Austausch, das Reden und das Sich-Mitteilen-Können nahmen mir viele Ängste. Durch die hochkalorische Trinknahrung kam ich weiter zu Kräften. Ich spürte von Tag zu Tag, dass ich mehr Energie hatte und merkte, dass mit zunehmender Energie mein Ich wieder stärker wurde. Ich wusste zwar, dass ich schwer krank sei, verspürte aber dennoch den Drang wieder aktiver werden zu wollen, was im Krankenhaus nicht bzw. nur begrenzt möglich war. Alle Beteiligten wussten, dass der Aufenthalt kein dauerhafter sein konnte bzw. werden durfte – auch und insbesondere aufgrund meiner Psyche. Ich wollte einfach nur zurück nach Hause. Nach der Verarbeitungsphase und weiteren diagnostischen Untersuchungen, lagen nun insgesamt fünf Wochen Krankenhausaufenthalt hinter mir. Da in den zwei Wochen nach der Diagnose keine weiteren inneren Blutungen mehr auftraten, erarbeiteten die Ärzt:innen und meine Familie und ich ein Übergangskonzept, mit dem ich in mein Wohnumfeld zurückgehen konnte.


Nach einer gefühlten Ewigkeit rückte die geplante und als „vorläufig“ titulierte Entlassung immer näher. Der Tag der Entlassung fühlte sich wie ein Segen an. Die letzten Sonnenstrahlen der Wintersonne schienen. Ich fühlte in diesem Moment nur Sorglosigkeit und Freiheit und genoss jede einzelne Minute, als ich auf dem Weg im Auto Richtung Heimat aus dem Fenster schaute und das Treiben der Stadt beobachtete. Es fühlte sich wundervoll an, und ich hoffte, dass mein nächster Besuch im Krankenhaus erst wieder der zur Nachsorge sein würde.

 

Hoffnungsvoller Blick in die Zukunft

Seit dem 30. Oktober 2025 bin ich entlassen. Aktuell nehme ich täglich einige Medikamente, messe meine Vitalwerte, bin wöchentlich beim Hausarzt und monatlich zur Untersuchung im UKSH angebunden.


Für die ersten fünf Wochen bin ich mit meiner Frau zusammen bei meinem Vater ins Elternhaus gezogen, da meine gesamte Familie im gleichen Dorf lebt. So hatte ich schnell und nah Unterstützung, wenn ich sie benötigte und habe die Natur (das Wasser und den Wald) direkt vor der Haustür. Aktuell geht es mir deutlich besser. Ich habe nun seit dem 15. Oktober 2025 keine inneren Blutungen mehr gehabt und genieße meine Zeit mit Menschen, die mir wichtig sind und Aktivitäten, die mir guttun.


Am 1. Dezember hatte ich meinen ersten Nachsorgetermin im UKSH. Dieser gab mir unglaublich viel Hoffnung und Lebensmut. Man sagte mir, dass ich mich wieder an festeres Essen (z. B. Kartoffeln, Kürbis etc.) heranwagen solle und mich an schonenden Sport herantasten könne, um meine Muskulatur wieder zu stärken. Zudem kam das Thema einer Multiviszeraltransplantation auf. Diese Art der Intervention ist ein äußerst seltener und hochkomplexer Eingriff, bei dem mehrere Organe des Körpers gleichzeitig transplantiert werden (z. B. Darm, Leber, Pankreas und die dazugehörigen Gefäße) – so wie es bei mir der Fall wäre. Der Weg zur Transplantation kann jedoch unter Umständen sehr lang und beschwerlich sein, und selbst wenn der Eingriff gelingt, besteht ein lebenslanges Risiko, dass der Körper die transplantierten Organe abstößt. Doch auch wenn dies ein langer, beschwerlicher Weg werden könnte, gibt mir diese Option Hoffnung und eine Zukunftsperspektive, die Lebensfreude in mir weckt und sich seitdem enorm positiv auf mein psychisches Wohlbefinden auswirkt.  


Seit dem 3. Dezember esse ich wieder etwas festere Nahrung. Zuerst mit großer Angst vor dem Essen. Angst vor erneuten Blutungen, die damit verbunden sein könnten. Gerade nach den Erfahrungen, die ich im Krankenhaus gemacht habe. Nachdem sich keine meiner Ängste und Sorgen bewahrheitet hatten, konnte ich wieder mit Genuss essen – und dieser Genuss brachte ein Stück Lebensqualität zurück. Von Tag zu Tag wage ich mehr und ersetze die Trinknahrung nach und nach durch bekömmliche, feste und gesunde Lebensmittel, die mir neue Kraft schenken[2].


Am 6. Dezember 2025 kehrten wir wieder in unsere Wohnung zurück, bereit für den nächsten Schritt in Richtung „Normalität“ – auch wenn sich global an der Diagnose kaum etwas geändert hatte. Dennoch blicke ich voller Hoffnung in die Zukunft, mit dem Gedanken, dass die Multiviszeraltransplantation vielleicht doch ein kleines Wunder sein könnte, das mir noch viele bedeutsame Erfahrungen und schöne Momente schenkt.


Für die kommende Zeit werde ich all das tun, was mir guttut. Dieser Blog soll mir helfen, meine eigene Geschichte besser zu verstehen. In den nächsten Wochen und Monaten möchte ich euch durch weitere Beiträge an meinen Gedanken und meinem Alltag teilhaben lassen.


Habt ihr Kommentare, Anregungen oder eigene Gedanken dazu? Dann teilt sie gerne mit mir – entweder in den Kommentaren oder über Instagram (den Link findet ihr unten auf der Startseite).




[1] Auf die Verkürzung und die damit einhergehenden mittel- und langfristigen Folgen werde ich an anderer Stelle noch einmal ausführlicher darstellen.

[2] Zum Thema Ernährungsumstellung wird bald ein eigener Beitrag kommen

2 Kommentare zu „Meine (Erkrankungs-)Geschichte“

  1. Danke, mein lieber Finn, was du damit auch für uns tust, hatte ja schon mal gesagt, dass du der tapferste und stärkste Mensch bist, den ich kenne!!! Aber hoffentlich hilft es dir selber auch ein bisschen, mit der Situation umzugehen, kann ich mir schon vorstellen😊 Denke auch immer bei Allem noch ein kleines bisschen an das Urvertrauen, du erinnerst dich?🤗 in Gedanken bin ich immer bei dir und blicke mit viel Hoffnung und Zuversicht in deine Zukunft❤️❤️❤️

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