A Single Resilient Green Plant Growing T 819x1024

Ein Jahr – Hurra!

Hallo ihr Lieben,

Ich melde mich aus meiner Sommerpause des guten Wetters zurück und möchte die Gelegenheit nutzen für ein Thema, das in den letzten Tagen immer wieder in mir hochkommt. Wie einige von euch wissen, war das letzte Jahr für mich eine wirkliche Achterbahnfahrt der Gefühle. Es gab viele Höhen und Tiefen.

Nun sehr bald, am 24. September, nähert sich ein für mich wichtiges Datum – eine Art neue, sehr subjektive Zeitrechnung, wie es einige von euch vielleicht mit der Corona-Pandemie kennen bzw. nachempfinden können. Am 24. September 2025 bin ich aufgrund meiner wiederkehrenden Erkrankung ins Krankenhaus gekommen. Wie die meisten von euch wissen, wurde mir dort erneut (das dritte Mal in meinem Leben) die Diagnose „Pfortaderthrombose“ gestellt. Damit einhergehend wurden bei mir auch Darm-Varizen (Krampfadern im Bauchraum) erkannt, die ein gefährliches Blutungsrisiko darstellen. Seitdem hat sich für mich einiges geändert. Ich denke oft an die Zeit „davor“, blicke aber auch viel in die Zukunft und denke darüber nach, was wohl noch so kommen mag.

Wie geht man mit einer solch radikalen Veränderung im Lebensalltag um? Hierzu gibt es keine passende Formel, kein Schema-F – da bin ich mir ziemlich sicher. Allerdings möchte ich in diesem Beitrag meine Gedanken mit euch teilen und das vergangene Jahr in aller Kürze mit euch Revue passieren lassen.

Ich habe hierzu etwas recherchiert und bin auf das Krisenmodell nach Cullberg (2008) gestoßen. Das Modell gliedert eine Krise, die durch ein unvorhergesehenes Ereignis ausgelöst wird, wie z.B. einen Unfall, einen Todesfall oder eine schwere Krankheitsdiagnose in vier Phasen auf. Ich möchte es euch vorstellen und anhand dessen, meinen Verlauf ein wenig nachzeichnen und einordnen. Doch zuerst eine kurze Vorstellung der Phasen zum besseren Verständnis:

Klassischerweise beginnt eine solche Krise mit der Schockphase. Diese Phase ist geprägt von innerem Chaos, Lähmungs- und Ohnmachtsgefühlen. Die Realität wird kaum wahrgenommen, das Erinnerungsvermögen ist eingeschränkt und Betroffene brauchen oft wiederholte Erklärungen, weil Informationen kaum aufgenommen bzw. verstanden werden.

Hierauf folgt meist die Reaktionsphase. In dieser Phase findet eine Konfrontation mit der Realität statt. Erst hier wird die Diagnose/das Ereignis emotional wirklich greifbar. Schmerzhafte Gefühle wie Wut, Zorn, Angst vor Leben und Tod wechseln sich immer wieder ab und können nur schwer integriert werden. Viele Menschen entwickeln Schuldgefühle oder suchen Schuldige, in der Hoffnung ihren Stress dadurch besser bewältigen zu können. Auch Abwehrmechanismen wie Verleugnung, Verdrängung und sozialer Rückzug können auftreten.

Folgt man dem Modell, werden erst nach einiger Zeit – in der Bearbeitungsphase – erste Schritte zur Bewältigung der Krise möglich. Es finden Reflexionen mit der Krise statt, Hilfsangebote werden in Anspruch genommen und es beginnt eine Auseinandersetzung mit der neuen Situation. Hier beschreibt Cullberg (2008), dass ein „Sich-Lösen“ von alten Vorstellungen wie das Leben „eigentlich“ hätte sein sollen, stattfindet.

Dies mündet in die vierte Phase: Die Neuorientierungsphase. Man öffnet sich der Umwelt neu und es entstehen neue Werte und Vorstellungen. Bei einigen Menschen führt die Neuorientierung zu tieferen, stabileren Beziehungen. Teils wird sie als Anstoß für persönliches Wachstum erlebt und bietet neue Perspektiven. Die Krise wird ins eigene Leben integriert und es findet eine Art Akzeptanz statt.

Wichtig zu betonen ist jedoch, dass die Phasen selten sauber chronologisch verlaufen. Sie können sich überlappen, sich wiederholen und sind nicht klar voneinander abzugrenzen. Außerdem folgt das Modell keiner Stringenz, in dem Sinne, dass im Laufe der Zeit jede*r alle Phasen durchläuft. Cullberg merkt an, dass auch die Gefahr einer „Chronifizierung“ besteht, wenn eine Phase nicht durchlaufen wird (meistens die Reaktions- und/oder Bearbeitungsphase), sondern dauerhaft „eingefroren“ wird. Allerdings bietet das Modell einen leicht zugänglichen Überblick und berücksichtigt dabei insbesondere die Biografie und das soziale Umfeld, weshalb ich es äußerst anschaulich und alltagsnah finde. (Cullberg, 2008)

Meine Schockphase:

Auf diesen Aspekt möchte ich nur in aller Kürze eingehen, da ich glaube, dass die Schockphase in meinem ersten Blogbeitrag („Meine Erkrankungsgeschichte“) deutlich geworden ist und ich nicht so viel Schwere hier reinbringen möchte. Jedoch möchte ich sagen, dass ich eine Schockphase, wie von Cullberg definiert, an mir selbst erlebt habe. Retrospektiv würde ich sagen, dass ich zwei Schockphasen und zwei Reaktionsphasen erlebt habe. Einmal als mir gesagt wurde, wie ernst es um meinen Zustand war, als ich im Krankenhaus angekommen war und wenige Wochen später, als ich mit meiner Diagnose konfrontiert wurde. Wenn dich meine Gefühlswelt in diesen Momenten nochmal ausführlicher interessiert, empfehle ich dir hier kurz Pause zu machen und zuerst vielleicht nochmal meinen ersten Blogbeitrag zu lesen. Dort findest du alles sehr ausführlich beschrieben.

Meine Reaktionsphase(n):

Auch diesen Abschnitt möchte ich etwas kürzer halten, da ich mich nicht zu viel wiederholen möchte und den Fokus auf die Bearbeitungs- und Neuorientierungsphase legen möchte. Ich muss allerdings sagen, dass diese Phase für mich die größte Herausforderung dargestellt hat. Wenn ich an die Momente denke, als mir mehr und mehr bewusst wurde, was eine erneute Thrombose der Pfortader bedeutet, habe ich viel Schmerz, Angst, Wut und Zorn verspürt. Dazu noch die Darm-Varizen, die auch heute noch ein bedrohliches Risiko darstellen.

Es war sehr schwer für mich damit klarzukommen. Ich habe zu Beginn alles Mögliche getan, um das Ganze zu verdrängen. Ich habe mich in den digitalen Raum geflüchtet, hab‘ ohne Ende Serien gestreamt und YouTube geguckt, angefangen ein Großteil meiner Freizeit zu zocken und mich zurückgezogen. In meinem Kopf herrschte das reinste Chaos. Ich habe viel Stress empfunden und mich depressiv gefühlt. Ich habe in dieser Zeit einen Ausschalt- bzw. Standby-Knopf gesucht, den ich im digitalen Raum gefunden hatte. Außerdem habe ich auch nach einem Schuldigen gesucht und jemanden gefunden – mich selbst. Fragen, die mich nicht mehr losließen: „Hast du dich gesund genug ernährt? Hättest du dir die langen Partynächte nicht einfach schenken können? Was wäre gewesen, wenn ich nie einen Tropfen Alkohol getrunken hätte? Hätte ich mich besser, um meine Vor- und Nachsorge kümmern müssen?“ Usw. usf.

Erst als ich gemerkt habe, dass die ganze Ablenkung und Verdrängung mir nur kurzfristig geholfen haben, nämlich die negativen Gefühle und Emotionen nur für den Moment nicht zu fühlen, aber mittel- bis längerfristig die negativen Gefühle verstärkt hat, habe ich einsehen müssen, dass ich die Probleme nicht verdrängen, sondern aktiv angehen und bewältigen muss.

Dazu die ganzen Fragen, die ich mir selbst stellte (und auch heute teils noch stelle) und für mich eine unfassbare Bürde waren. Ich spürte einfach, dass ich das alles nicht alleine bzw. nur mit meinen Angehörigen schaffen werde. Wir befinden uns zeitlich jetzt Ende Januar/Anfang Februar 2026. Immer lauter wurde die innere Stimme, die mir sagte: „Du musst das jetzt einfach angehen. Ein Weiter-So wird dir deine ganze Lebenslust nehmen.“ So kam es dazu, dass ich die ersten Schritte in Richtung Bearbeitung und Bewältigung der Situation unternommen habe.

Meine Bearbeitungsphase:

Wenn du meinen letzten Blog-Beitrag gelesen hast („Status-Update“), wird dir bestimmt aufgefallen sein, dass sich dieser sehr gut mit den thematischen Schwerpunkten dieser Phase ergänzt. Dort habe ich geschrieben, dass mir Yoga und Sport sehr bei meiner Bewältigung helfen. Ich habe durch beides einen klareren Kopf, gewinne mehr Zufriedenheit durch die ganzen, tollen Botenstoffe, die mein Körper beim Sport ausschüttet, fühle mich insgesamt wohler. Zudem kann ich aktiv etwas für meine Gesundheit und Prognose zum Positiven verändern. Für mich ist das einer der absolut wichtigsten Faktoren, den ich jedem und jeder aus tiefster Überzeugung nur ans Herz legen kann.

Nicht unerwähnt darf das Thema Ernährung bleiben. Erst mit viel Angst und Sorge besetzt, ist es aktuell einer meiner größten Treiber für meine Lebensqualität geworden. Ich genieße das Einkaufen, Kochen, Zubereiten und Genießen von Lebensmitteln enorm. Hier überschneidet sich das, glaube ich, auch ein wenig mit der Neuorientierungsphase, da ich eine tiefe Dankbarkeit verspüre, dass mit meinem Kurzdarm, meiner Pfortaderthrombose und den Darm-Varizen eine weitestgehend normale Ernährung noch möglich ist, was nach den Gesprächen mit meinen Fachärzten eher außergewöhnlich als der Normalfall zu sein scheint. Viele Menschen mit Kurzdarm-Syndrom sind auf dauerhafte oder wiederkehrende „parenterale Ernährung“ (Ernährung ohne Teilhabe des Darms) angewiesen. Davon bin ich glücklicherweise nicht betroffen, kenne es aber aus meiner Jugendzeit, als sie bei mir einige Monate lang nötig war.

Hier empfinde ich eine enorme Dankbarkeit, die sich auch auf andere Lebensbereiche abfärbt, wie z.B. das Thema eine eigene gemütliche Wohnung und Privatsphäre zu haben (anders als im Krankenhaus) oder noch so fit und mobil zu sein, um am gesellschaftlichen Leben in weiten Teilen unabhängig teilhaben zu können. Das sind sehr tiefe, bedeutsame Gefühle, die ich so vorher nicht gespürt bzw. wahrgenommen habe, wenn es um solche grundlegenden Bedürfnisse geht.

Allen voran aber ist mein aktuell größter Zugewinn die Psychotherapie. Diese hilft mir unbeschreiblich gut bei der Bewältigung meiner psychischen Krisen und herausfordernden Momenten im Alltag. Die Psychotherapie hilft mir dabei, Antworten und meine „Schuld-Fragen“ zu finden und diese zu rationalisieren. Ich nehme mir das Leiden viel weniger persönlich und kann so zu mehr Akzeptanz kommen. Natürlich sind da auch immer noch die Fragen wie „Wie würde mein Leben wohl gerade aussehen, wenn das alles nicht wäre?“, aber in einer viel weniger intensiven Frequenz. Die Fragen verlieren an Macht und ich kann mich wirklich besser von dem lösen, was hätte sein können. Ich komme mehr in den Moment und ins Handeln, kann meine Situation besser annehmen und frage mich, was ich unter den „neuen“ gegebenen Umständen tun möchte, damit ich mehr an Lebensqualität dazugewinne. Kurz gesagt: Der Blick richtet sich zunehmend mehr auf das, was noch kommt, als auf das was war oder das was hätte sein können.

A Single Resilient Green Plant Growing T 1 819x1024

Meine Neuorientierung:

Wie ihr vielleicht merkt, verschwimmen die Phasen tatsächlich etwas. Ich bin mir auch sicher, dass ich sowohl die Bearbeitungsphase als auch die Phase der Neuorientierung noch nicht abgeschlossen habe, wobei ich bei der Bearbeitung und Bewältigung, würde ich sagen, auf einem guten Weg bin.

Ich habe mich gut damit arrangieren können, dass ich kein Profi-Sportler mehr werde oder eine tolle Karriere in meinem Berufszweig hinlegen werde, weil meine Kraft dafür einfach nicht reicht, aber das ist auch wirklich okay so. Der Job, den ich jetzt habe gibt mir viel. Ich bin zufrieden mit meiner Situation, wie sie gerade ist. Vielmehr genieße ich aktuell die sehr tiefen Beziehungen zu meiner Familie, die bedeutsamen Gespräche und die Zeit mit meinen Freund*innen und meiner Frau. Die Entschleunigung gibt mir viel Kraft für das wirklich Wichtige im Leben – das weiß ich sehr zu schätzen. Es ist ein Privileg, dass ich finanziell solide aufgestellt bin und meine Prioritäten gerade auf das setzen kann, was mir gerade wichtig ist.

Zudem habe ich festgestellt wie viel Freude und Kraft mir die Interaktion mit Menschen wieder bringen. Ich versuche die Menschen so zu nehmen, wie sie sind und bin glaube ich auch schon ein Stück weit an meinen Umständen gewachsen. Banale Sorgen und Probleme werte ich als solche und gebe ihnen nicht (mehr) so viel Raum. Ich bin selbstbewusster geworden und begegne mir mit mehr Selbstliebe und stehe für mich, meine Werte und meine Überzeugungen immer mehr ein. Ich habe gelernt, dass ein Nein zu etwas, ein Ja zu etwas anderem sein kann. Ich fokussiere mich auf mich und meine Liebsten und alle, die mir wohlgesonnen sind. Ich will mehr von dem, was mir guttut und weniger von dem, was mich belastet. Das ist meine Devise nach der ich mich aktuell ausrichte. Einfach, weil sie mir gerade enorm guttut.

Ausblick auf das, was kommen mag

In den letzten Wochen und Monaten hat sich für mich auch herausgestellt, woher ich mir meinen kognitiven Ausgleich, den mir das Aufgeben meines Master-Studiums und meiner abstrakt formulierten Karriereplanung genommen hat, zurückholen möchte.

Ich lese wieder viel zu wissenschaftlichen Themen, die mich interessieren und finde wieder viel Freude in dem ein oder anderen Sachbuch. Ich möchte mich nach wie vor persönlich weiterentwickeln. Weniger im beruflichen, eher im persönlichen Kontext. Dabei helfen mir der Blog und die Auseinandersetzung mit und Integration meiner Erkrankungsgeschichte sehr. Auch das möchte ich zukünftig vertiefen.

Hierzu habe ich mir überlegt, dass ich neben meinem Blog, auch meinen Instagram-Account „BauchvollGeschichten“ mehr bespielen und ausbauen möchte. Hier wird es in nächster Zeit ein paar Ankündigungen und Veränderungen geben. Der Blog bleibt aber nach wie vor bestehen und soll weiterhin ein Ort für ausführlichere, persönliche Updates, Geschichten und Erfahrungen bleiben. Ich habe nur festgestellt, dass ich viele meiner kreativen Ideen, die mich in den letzten Wochen und Monaten, während des Sommers, angeflogen haben, dort zielgerichteter, kreativer und verständlicher umsetzen kann. Das Ziel, das ich mit meinem Instagram-Account verfolgen möchte, ist mehr Bewusstsein und Enttabuisierung zum Thema Darm und meinen chronischen Erkrankungen zu schaffen, hilfreiche Tipps und Denkanstöße für Betroffene, Angehörige, Fachpersonal und Interessierte geben zu können und meinen Alltag und meinen Weg der Bewältigung authentischer, transparenter, kreativer und direkter mit dir teilen zu können. Sei also gespannt. Ich freue mich über dein Interesse, den Austausch und vor allem über deinen Support. Danke, wenn du mich auf diesem Weg begleiten magst. 😊

Ich setze hier jetzt erstmal einen Punkt. Wenn du noch Fragen, Anmerkungen oder Feedback hast, schreib‘ mir gerne einen Kommentar, eine Direktnachricht oder kontaktiere mich auf Instagram.
Ich freue mich auch über Anregungen oder Fragen, die dich vielleicht schon immer mal interessiert haben (auch über anonyme Fragen; einfach dazuschreiben). Vielleicht gibt es ja Perspektiven oder Themen, die dir bis jetzt gefehlt haben?

Jetzt bleibt mir erstmal nur zu sagen:

Bleib‘ gesund und bis bald!

Dein Finn

Quelle: Cullberg, J. & Belka-Schütz, H. (2008). Krise als Entwicklungchance. Psychosozial-Verlag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert